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Selbstständige sind Leistungsträger – Gründerboom hat Deutschland geholfen

Im Rahmen der Serie über Freelancer, Selbständige und Gründungen spricht der KEX-Blog heute mit Andreas Lutz, Initiator und Vorstandsvorsitzender des Verbands der Gründer und Selbständigen Deutschland (VGSD) e.V. Lutz ist durch seine Website gruendungszuschuss.de sowie durch seine Bücher für Gründer und Selbständige bundesweit bekannt. Außerdem veranstaltet er zusammen mit der XING AG und seinem Partner Joachim Rumohr die offiziellen XING-Seminare.
 

KEX-Blog: Kürzungen beim Gründungszuschuss und Diskussionen über Zwangsrentenbeiträge - haben Gründer und Freelancer in Deutschland keine Lobby mehr?
 

Lutz: In den Reihen der Regierungsparteien offenbar nicht. Viele Politiker scheinen zu denken, es geht in Deutschland auch ohne Gründer und kleine Selbständige. Die Liste der gründerfeindlichen Gesetze geht ja noch weiter: Das Gründercoaching für Arbeitslose wird zum 31.12.2013 abgeschafft. Das erfolgreich aufgebaute Mikrokreditsystem muss wohl zeitgleich die Kreditvergabe einstellen. Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung wurden vervierfacht. Die Mindestbeiträge zur Krankenversicherung hindern weiterhin insbesondere viele Frauen an der Aufnahme einer Selbständigkeit.
 

"Kleine" Selbständige und Gründer haben keine Zeit, sich in Verbänden, Kammern und Politik zu engagieren. Deshalb geben dort größere Unternehmen den Ton an und es fehlt am Wissen, wie sich Gesetzesänderungen auf kleine Unternehmen auswirken - nämlich oft in Form zusätzlicher und in der Summe kaum zu bewältigender Bürokratie.
 

KEX-Blog: Auch die Künstlersozialkasse, von der viele Selbständige durch reduzierte Sozialbeiträge profitieren, steckt in einer Schieflage und steht vor dem Aus. Will oder kann der Staat das Geld bei den Unternehmen nicht eintreiben?
 

Lutz: Die KSK ist für Künstler und Journalisten von existenzieller Bedeutung. Allerdings hat die KSK offenbar immer mehr Berufsgruppen aufgenommen ohne ausreichend auf die Finanzierung zu achten. Jetzt will man das Geld nicht mehr nur bei Verlagen, Theatern, Museen, größeren werbetreibenden Unternehmen usw. eintreiben, sondern bei der Masse an Kleinstunternehmen.
 

Diese sind zur Abgabe schon seit längerem verpflichtet, kaum einer weiß aber von dieser Verpflichtung. Die Deutsche Rentenversicherung soll das Geld eintreiben, schätzt den damit verbundenen Verwaltungsaufwand aber als doppelt so hoch ein wie die zusätzlichen Gelder, die sie auf diese Weise einnehmen kann. Vor allem aber muss man bedenken, dass den betroffenen Unternehmen durch das Ausfüllen von Fragebögen, Prüfungen, Beratung durch den Steuerberater usw. noch einmal ein Vielfaches an bürokratischem Aufwand entsteht, auch wenn es meist wohl nur um wenige Euro Abgabe geht, die für die Künstler und Publizisten herauskommen.
 

Unternehmen unterhalb eines bestimmten Umsatzes oder Gewinnes sollten deshalb von der Abgabepflicht ausgenommen werden. Ziel sollte sein, dass möglichst alle Berufsgruppen von ihrer selbständigen Tätigkeit leben und sich eine angemessene soziale Absicherung leisten können.
 

KEX-Blog: Brauchen Gründer nicht eine eigene Interessensvertretung oder Lobbygruppe, damit nicht mehr über sie hinweg entschieden wird?
 

Lutz: Ja, deshalb haben wir den Verband der Gründer und Selbständigen (VGSD) e.V. gegründet. Es braucht jemand, der Einzelkämpfern und kleinen Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern, aber auch Gründern und Teilzeit-Selbständigen eine Stimme verleiht.
 

Wir wollen erreichen, dass bei politischen Entscheidungen künftig die berechtigten Anliegen dieser Gruppe stärker bedacht werden. Dieses Ziel verfolgt der VGSD e.V. durch Stellungnahmen, Wahlprüfsteine, Petitionen, Briefe an Abgeordnete und zahlreiche weitere Maßnahmen. Die Mitglieder bestimmen auf der Website www.vgsd.de selbst die Ziele und Vorgehensweise des Verbands. Jeder Selbständige kann bei uns sofort mitmachen und auch mit geringem zeitlichem und finanziellem Einsatz etwas bewirken.
 

KEX-Blog:  Auch wenn Deutschland bei den Gründungen unter den entwickelten Volkswirtschaften auf dem viertletzten Platz liegt: Immer mehr Menschen wollen aus der Tretmühle eines festen Jobs in die Freiberuflichkeit kommen. Was sind heute die besten Strategien dafür?
 

Lutz: Wer Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, sollte den Gründungszuschuss beantragen und sich dabei auch nicht von entmutigenden Aussagen von Mitarbeitern der Arbeitsagentur entmutigen lassen. (Tipp: Kostenloses Webinar zum Thema unter http://bit.ly/13EDWyl).
 

Die Bedeutung origineller Geschäftsideen wird oft überschätzt. Wichtiger als Originalität ist, dass ausreichend zahlungskräftige Nachfrage nach den eigenen Produkten und Dienstleistungen besteht. Das kann man z.B. durch eine Befragung potenzieller Kunden prüfen oder indem man Markttests durchführt.
 

Auch für kleine Vorhaben sollte man die typischen Fragen beantworten, die sich im Rahmen eines Businessplans stellen und die Liquiditätsentwicklung vorausplanen. Erfolgskritisch für Gründer ist die Fähigkeit, Rat einzuholen und anzunehmen, denn jeder Fehler ist schon einmal gemacht worden - nur noch nicht von jedem. Die Vielzahl an rechtlichen, steuerrechtlichen und bürokratischen Regelungen, die in Deutschland einzuhalten ist, kann man nicht alle kennen.
 

Der Businessplan ist aber nur Ausgangspunkt: Genau so wichtig ist eine funktionierende Buchhaltung, die einen zeitnah zeigt, wie weit man vom Plan abweicht. Und die Flexibilität, Änderungen an der Planung vorzunehmen oder notfalls alles auch ganz anders zu machen.
 

KEX-Blog:  Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte Deutschland ein goldenes Gründerzeitalter. Welchen Beitrag leisten Freelancer und Selbständige heute für die Wirtschaft und dem BIP?
 

Lutz: Kleine Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern schaffen 40 Prozent der neuen Jobs in Deutschland - alle Großbetrieben mit 500 und mehr Mitarbeitern zusammen nur 5 Prozent der Stellen. Außerdem sorgen Sie in unseren Städten und Gemeinden für Vielfalt und Kundenorientierung. Denken Sie nur mal daran, wie Innenstädte ohne kleine Unternehmen aussehen, wenn nur noch die großen Unternehmen und Ketten übrig bleiben.
 

Die Aufbruchstimmung und der Gründerboom im letzten Jahrzehnt hat Deutschland gut getan. Die Politik sollte die Bedeutung der Millionen kleiner Selbständigen als Leistungsträger unserer Gesellschaft erkennen und ihnen mehr Wertschätzung entgegen bringen.
 

KEX-Blog:  Vielen Dank für das Gespräch.